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Biotech Brief Nr. 1/2011 TOPTHEMA GVO-Spuren bei Saatgut, Futter- und Lebensmittel:
Die Landwirtschaft gehört zu den wichtigsten europäischen Wirtschaftszweigen. Die EU steht hinter den USA an zweiter Stelle der Agrarexporteure. Doch sie ist auch auf Importe angewiesen, um ihre rund 500 Millionen Einwohner zu versorgen. Die Nachfrage ist so groß, dass die EU-Staaten die Rangliste der Agrarimporteure anführen. Hohe Einfuhrmengen gibt es bei Eiweißpflanzen für Tierfutter. Ihr Gesamtanbau in der EU beansprucht etwa drei Prozent der EU-Ackerfläche. Diese Ernte liefert aber nur 30 Prozent der in der EU benötigten pflanzlichen Eiweißfuttermittel.1 Im Wirtschaftsjahr 2009/2010 importierte die EU daher knapp 13
Millionen Tonnen Sojabohnen, 22 Millionen Tonnen Sojaschrot und 2,5 Millionen Tonnen Mais, um den Bedarf an Nahrung, Futtermitteln, Naturfasern und Bioenergie zu decken. Bildlich gesprochen entspricht dies einem „virtuellen Import“ von 35 Millionen Hektar Ackerland.2
Agrarimporteure sehen sich zunehmend mit dem Risiko konfrontiert, dass europäische Einfuhrbehörden ihre Lieferungen zurückweisen, wenn sich darin Spuren von in der EU nicht zugelassenen gentechnisch veränderten (GV-)Pflanzen nachweisen lassen. Wirtschaftliche Verluste sind die Folge und Möglichkeiten zur Vorbeugung begrenzt. Dieser Missstand wird sich zuspitzen, wenn in Übersee neue GV-Pflanzen zum Anbau zugelassen werden, womit demnächst in größerem Umfang zu rechnen ist. Als Resultat könnte die Wertschöpfungskette der Produktion von tierischen Produkten in Europa an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Agrarökonomen des Forschungsinstituts Wageningen (Niederlande) und der Universität von Missouri (USA) haben im Auftrag der Generaldirektion Landwirtschaft der EU-Kommission (DG AGRI) diese Zusammenhänge kürzlich untersucht.3
Neue GV-Pflanzen in Warteposition Weltweit ist der Anbau von GV-Kulturen in den letzten 15 Jahren stetig gewachsen.4
2010 haben 15,4 Millionen Landwirte in 29 Ländern auf insgesamt 148 Millionen Hektar GV-Pflanzen kultiviert, was in etwa der Fläche entspricht, die der gesamten Landwirtschaft in Westeuropa zur Verfügung steht. Gegenüber 2009 war ein Flächenanstieg um etwa zehn Prozent zu verzeichnen. Den stärksten absoluten Zuwachs gab es in Brasilien, das nach den USA mit 25,4 Millionen Hektar die zweitgrößte Anbaufläche für transgene Pflanzen aufweist. Die Zuwachsraten bestätigten aufs Neue die Wettbewerbsfähigkeit und den Nutzen der Grünen Gentechnik. Forschung und Entwicklung schreiten voran, und die Zahl der weltweit zum Anbau zugelassenen GV-Pflanzen wächst kontinuierlich. Experten der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission (JRC) erwarten für die nächsten Jahre einen sprunghaften Anstieg: Während 2009 weltweit etwa 30 verschiedene transgene Pflanzenmerkmale zum Anbau zugelassen waren, könnten es 2015 bereits
über 120 sein.5 Unter anderem wird die Zahl der gentechnisch erzeugten
Sojamerkmale stark steigen. War es 2009 erst eine GV-Linie, so könnten 2015 schon 17 Linien über eine Anbaugenehmigung in Nord- oder Südamerika verfügen. Beim Mais kommen vermehrt Kulturen zum Anbau, die durch eine Kreuzung bewährter GV-Pflanzen gezüchtet wurden und als „stacked events“ Kombinationen mehrerer vorteilhafter Merkmale in sich tragen.
Europa bei Genehmigungen in Verzug An der europäischen Öffentlichkeit zieht diese Entwicklung weitgehend unbemerkt vorüber. Hier bauen Landwirte derzeit nur in wenigen Mitgliedsländern eine einzige Linie GV-Mais an. Der Anschluss an die Zukunftstechnologie und das Innovationsfeld Pflanze bleibt ihnen vorenthalten. Die Genehmigungsverfahren für den Import von GV-Pflanzen dauern in der EU zudem länger als die Anbaugenehmigungen in Nord- und Südamerika. Die EU-Entscheidungsgremien sind in Verzug. Die Zahl gentechnisch veränderter Organismen (GVO) in dieser EU-Warteschleife wird weiter wachsen, wenn neue Produkte auf die Weltmärkte gelangen.
Die USA, Brasilien und Argentinien werden in absehbarer Zeit eine Reihe neuer GV-Pflanzen für den Anbau zulassen. Diese drei Länder sind sowohl die GVO-Hauptanbauländer als auch die wichtigsten Exportländer für Futtermittelrohstoffe. Sie liefern etwa 83 der 91 Millionen Tonnen weltweit exportierten Sojabohnen. Europa ist ein wichtiger Absatzmarkt für ihre Agrarprodukte. Doch bei Sojabohnen ist China zum weltweit bedeutendsten Importeur geworden. China importierte 2009/2010 ca. 57 Prozent aller gehandelten Sojabohnen. Entsprechend schwieriger wird es in Zukunft für Europa, Anbauentscheidungen in Exportländern zu beeinflussen. In Einzelfällen sind deshalb auch weiterhin Spuren von in der EU nicht zugelassenen GVO in Lebens- und Futtermitteln nicht auszuschließen.
Technische Standards bei GVO-Analysen Dabei ist es in GVO-Anbauländern mittlerweile Standard, die für den Export nach Europa vorgesehenen Partien zu separieren und vor der Verschiffung zu analysieren. Eine hundertprozentige Abwesenheit fraglicher GVO ist dennoch praktisch unmöglich. Nicht zuletzt die Unsicherheit der Analytik in kleinsten Spurenbereichen erschwert verlässliche rechtssichere Ergebnisse. Deutlich mehr Rechtssicherheit bei Agrarimporten bieten „technische Lösungen“ wie sie auf europäischer Ebene für Futtermittel eingebracht worden sind. Im Rahmen einer solchen Lösung wird definiert, unter welchen Umständen analytische Ergebnisse als so unsicher gelten, dass sie keine Entscheidungsgrundlage für die Einfuhrerlaubnis oder Zurückweisung einer Schiffsladung nach Europa bieten können. Dies stellt sicher, dass Partien, die im Exporthafen mit zertifizierten Methoden beprobt und getestet werden, in Europa mit dem gleichen Ergebnis begutachtet werden.
Die in der EU zur Verabschiedung anstehende technische Lösung betrifft GVO, die in einem Drittland zur Vermarktung zugelassen sind und für die eine EU-Zulassung beantragt wurde. Ebenfalls gilt sie für GVO, deren frühere EU-Zulassungen abgelaufen sind.
Verknappung beim Nachschub von Agrarprodukten Sollte es bei der aktuellen Praxis samt ihren behördlichen Vorgaben bleiben, ist es laut der Studie der DG AGRI unwahrscheinlich, dass Exporteure langfristig in der Lage sind, unterschiedliche Handelspartien so zu trennen, dass sie den EU-Anforderungen genügen. Agrarhändler laufen deshalb Gefahr, ganze Schiffsladungen zu verlieren. Der Handel mit Soja und Mais könnte bis 2020 starke Einbrüche erleiden. Eine Versorgungslücke von bis zu 7,5 Millionen Tonnen Sojabohnen und 20 Millionen Tonnen Sojaschrot kann entstehen, und ein Preisanstieg von 220 bzw. 210 Prozent wäre möglich. Für Molkereibetriebe wäre ein Minus von drei Prozent, für Geflügelproduzenten eines von sieben Prozent denkbar. Der wirtschaftliche Verlust bei der Schweinemast könnte bei 14 Prozent liegen, der bei der Rindfleischproduktion bei bis zu 16 Prozent. Die Wissenschaftler aus Wageningen und Missouri errechneten für die EU einen ökonomischen Gesamtverlust von bis zu 9,6 Milliarden Euro.
Saatgut-Schwellenwerte sind überfällig Beim globalen Handel mit Agrarrohstoffen werden oft gemeinsame Kanäle für Lebens- und Futtermittel genutzt. Dies gilt auch für die Produktion von Saatgut unterschiedlicher Qualitäten. Für den internationalen Handel mit Lebensmitteln und Saatgut sind daher ebenfalls technische Lösungen erforderlich.
Doch Saatguthersteller stehen vor einem weiteren Problem: In konventionellem Saatgut dürfen heute nicht einmal Spuren von GVO mit EU-Importgenehmigung vorkommen. Selbst für Einträge von GVO mit EU-Anbaugenehmigung in konventionelle Saatgutpartien gibt es keine Schwellenwerte. Deutsche Behörden konnten auch 2011 vereinzelt GVO-Spuren nachweisen – beim Mais in jeder 13. Saatgutprobe.6 Die
betroffenen Partien stammten aus Chile, Kanada, Türkei, Frankreich, Ungarn, Österreich oder Rumänien, wenige auch aus Deutschland. Die gefundenen GVO-Anteile lagen nie oberhalb von 0,1 Prozent. Bei der erneuten Beprobung in unabhängigen Laboren konnten sie zum Teil nicht bestätigt werden.
Die EU zögert die Festlegung von Schwellenwerten und technischen Lösungen seit Jahren hinaus. Deutschland sollte sie national erarbeiten und die EU für eine europaweite Regelung gewinnen.
Wettbewerbsfähigkeit der Agrar- und Ernährungswirtschaft erhalten Ohne technische Lösungen für Spuren nicht EU-genehmigter GVO in Futtermitteln, Lebensmitteln und Saatgut und ohne Schwellenwerte für GVO-Einträge in konventionellem Saatgut ist eine Verlagerung weg von der Agrarproduktion in Deutschland und Europa hin zu Importen bereits verarbeiteter Produkte aus Drittländern zu erwarten. Wenn nur ungenügende Mengen hochwertiger Futtermittel für die Hähnchenmast importiert werden können, ist beispielsweise davon auszugehen, dass Geflügelfleisch vermehrt direkt aus Brasilien oder anderen Drittländern importiert wird – in denen GV-Pflanzen übrigens in aller Regel normaler Futtermittelbestandteil sind. Auch diese Verlagerung würde mit einem Wertschöpfungsverlust für die europäische Wirtschaft einhergehen.
Die Lage für die europäische Landwirtschaft ist angespannt, und sie wird sich angesichts neuer Innovationen bei der Pflanzenzucht und Verschiebungen auf den Weltagrarmärkten verschärfen, wenn die europäische Haltung zur Grünen Gentechnik unverändert bleibt. Doch ein Beharren auf dem Status quo kann weder im Sinne der EU-Politik noch im Sinne der europäischen Landwirte oder Verbraucher sein. Quellen: 1 Bericht an das Europäische Parlament zum Thema „Das Proteindefizit in der EU: Wie lässt sich das seit langem bestehende Problem lösen?“; www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+REPORT+A7-2011-0026+0+DOC+XML+V0//DE. 2 Harald von Witzke, 2011: Ananas aus dem Allgäu – wie ökologisch und sozial ist regionales Einkaufen?; www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a10/anhoerungen/__A_04_4_2011_Welternaehrung/Stellungnahmen/A-Drs__451-E.pdf. 3 Study on the Implications of Asynchronous GMO Approvals for EU Imports of Animal Feed Products; http://ec.europa.eu/agriculture/analysis/external/asynchronous-gmo-approvals/full-text_en.pdf. 4 Global Status of Commercialized Biotech/GM Crops: 2010; www.isaaa.org/resources/publications/briefs/42/executivesummary/default.asp. 5 Alexander J. Stein / Emilio Rodríguez-Cerezo, 2009: The global pipeline of new GM crops – Implications of asynchronous approval for international trade; http://ipts.jrc.ec.europa.eu/publications/pub.cfm?id=2420. 6 BDP 2011, GVO-Freiheit: Politik verlangt das Unmögliche; www.bdp-online.de/de/Presse/Aktuelle_Mitteilungen_1/Saatgutuntersuchung_Mais/PI_2011-04-20__Zuechterinformieren_ueber_GVO-Untersuchung.pdf
SONSTIGES Pflanzenforschung erleben im Schaugarten Üplingen Ob Kulturen mit Widerstandkräften gegen Schädlinge oder Klimastress, Energiepflanzen oder weniger bekannte Kulturen: Im Schaugarten Üplingen können Sie Ergebnisse der moderne Pflanzenforschung direkt auf dem Feld betrachten und mit Experten darüber sprechen. Von Juni bis September ist der Schaugarten geöffnet. Weitere Informationen und Anmeldung unter www.schaugarten-ueplingen.de.
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