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DIB-Vorsitzender Marcinowski im Interview - August 2009:

„Vorfahrt für innovative Produkte und Prozesse”

Eine einheitliche Linie in der Bundesregierung und verlässliche politische Rahmenbedingungen in der EU wünscht sich der Vorsitzende der Deutschen Industrievereinigung (DIB), damit die Branche in allen Bereichen nachhaltig wachsen kann.

 

Anbauverbot für gentechnisch optimierten Bt-Mais, blockierte EU-Zulassung für die gentechnisch veränderte Kartoffel-Amflora, Feldbesetzungen und mutwillige Zerstörung wissenschaftlicher Projekte, Deklaration von immer mehr gentechnikfreien Regionen in der EU. Steht die Pflanzenbiotechnologie in ganz Europa endgültig auf verlorenem Posten?

Nein, endgültig sicherlich nicht. Aber die Zeit läuft gegen Europa. Wir verlieren Wettbewerbsfähigkeit. Wir arbeiten weiter mit der Wissenschaft daran, aus dieser Defensive herauszukommen. Wenn sich diese Stimmung allerdings nicht bald ändert, ziehen sicherlich einige Unternehmen die Konsequenz daraus: Sie werden keine Produkte mehr allein für den europäischen Markt entwickeln und Forschungsaktivitäten werden dann ins Ausland verlagert. Die Frage ist, ob die Politiker diesen Verlust hinnehmen wollen.

 

Was müsste Ihrer Ansicht nach geschehen, damit sich bei Politikern und Bürgern die Einschätzung von Nutzen und Risiko der grünen Gentechnik mehr der Position von Industrie und Wissenschaft annähert?

Wir als Industrie können Politiker und Bürger nur durch Produkte von gentechnisch veränderten Pflanzen überzeugen, die einen Nutzen für Landwirt, Endverbraucher und Umwelt bringen. Dazu müssen diese Produkte aber zugelassen werden. Wenn das geschieht, werden sich die Positionen wieder annähern. Abgesehen davon importiert Europa bereits heute 30 Millionen Tonnen genmodifizierte Futtermittel. Das sind 60 Kilogramm pro EU-Bürger. Grundsätzlich glaube ich, dass wir in Deutschland und in Europa ein technologiefreundlicheres Klima schaffen müssen. Das heißt aber auch, dass wir für die Natur- und Ingenieurswissenschaften werben müssen, damit sich die nächsten Generationen auch dafür interessieren.

 

Im Gegensatz zur grünen Gentechnik ist die industrielle Biotechnologie in Deutschland über alle Parteigrenzen hinweg politisch hoffähig. Welche Entwicklung trauen Sie diesem Sektor mittelfristig zu?

Der weißen Biotechnologie traue ich noch sehr viel zu. Es wird immer wichtiger, Ressourcen zu schonen, und gerade Prozesse, die in der weißen Biotechnologie entwickelt werden, helfen Energie und Rohstoffe einzusparen. Allerdings ist sie auch kein Allheilmittel und kann nur da eingesetzt werden, wo sie ökonomische und ökologische Vorteile gegenüber anderen Verfahren bietet. Ich denke, dass wir in den kommenden Jahren in diesem Bereich ein kontinuierliches Wachstum beobachten können.

 

Damit alle Sektoren der Biotechnologie nachhaltig gedeihen können: Was wünschen Sie sich von der künftigen Bundesregierung?

Ich wünsche mir, dass die Bundesregierung alles unternimmt, um in Deutschland nicht nur Forschung, sondern auch Wertschöpfung und Arbeitsplätze basierend auf dem erarbeiteten Wissen zu schaffen. Das heißt: Vorfahrt für Anwendung und innovative Produkte und Prozesse. Bisher gab es da keine einheitliche Linie und das muss sich ändern. Nur so können wir neue Produkte und Geschäftsfelder erschließen. Als Naturwissenschaftler wünsche ich mir, dass Entscheidungen zu biotechnologisch hergestellten Produkten auf Grundlage der naturwissenschaftlichen Daten getroffen werden. Wir fordern einen kritischen Dialog mit Politik und Gesellschaft, der aber nicht einseitig oder ideologisch belastet ist und eine Seite deutlich in die Defensive drängt.

 

Welche Veränderungen sind auf europäischer Ebene notwendig, um biotechnischen Produkten, Methoden und Verfahren bessere Entwicklungschancen zu verschaffen?

 

Ein wichtiger Meilenstein wäre es, wenn endlich ein Produkt zugelassen wird, das den neuen Zulassungsprozess durchlaufen hat. Obwohl es auf europäischer Ebene ein naturwissenschaftlich basiertes Zulassungsverfahren gibt, werden die Bewertungen immer wieder in Frage gestellt. Das muss sich ändern. Wir brauchen - wie in Deutschland auch - stabile politische Rahmenbedingungen.

 

„Ich wünsche mir, dass die Bundesregierung alles unternimmt, um in Deutschland nicht nur Forschung, sondern auch Wertschöpfung und Arbeitsplätze basierend auf dem erarbeiteten Wissen zu schaffen.“

Dr. Stefan Marcinowski, Vorsitzender der DIB

 

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