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BioTech Brief Nr. 1/201
TOPTHEMA Innovationen erfordern Rechtssicherheit Die Pflanzenbiotechnologie gilt als Schlüssel für eine nachhaltige Futter- und Lebensmittelproduktion und die Bereitstellung umweltschonender Rohstoffe und Energieträger. Sie zielt auf die Verbesserung der Welternährung und die Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel. Für Innovationen auf diesen Gebieten ist Rechtssicherheit unentbehrlich. Die Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie (DIB) setzt sich daher mit Nachdruck dafür ein, dass Zulassungsentscheidungen für gentechnisch veränderte (GV-)Pflanzen einzig auf Basis naturwissenschaftlicher Bewertungen getroffen werden. Nur dann können Wettbewerbsfähigkeit, freier Welthandel, ein einheitlicher EU-Markt und die Wahlfreiheit für Landwirte und Verbraucher gewährleistet werden.
BioÖkonomieRat empfiehlt naturwissenschaftliche Entscheidungsbasis Die Regierungskoalition betont die Rolle der Biotechnologie als Leistungsträger einer umfassenden „BioÖkonomie“. Um dieses Segment zu entwickeln, ist 2009 der „BioÖkonomieRat“ ins Leben gerufen worden. Zu seinen Mitgliedern zählen Experten aus universitären, außeruniversitären und privatwirtschaftlichen Forschungseinrichtungen sowie der Ressortforschung des Bundes. Der Rat erarbeitet Empfehlungen für Forschungs- und Förderstrukturen und politische Leitlinien. Im Sommer 2010 soll der Bundesregierung ein erstes Gutachten vorgelegt werden. Die DIB begrüßt die Zielsetzung, in Deutschland eine auf Wachstum und Nachhaltigkeit ausgerichtete BioÖkonomie zu etablieren. Dieser Fokus ist notwendig und richtig angesichts der steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln und nachwachsenden Rohstoffen für die stoffliche und energetische Nutzung. Pflanzen sind die wichtigste nachwachsende Rohstoffbasis für biotechnologische und chemische Prozesse. Aus ihnen können Arznei-, Nahrungs- und Futtermittel, Fasern sowie Grundchemikalien und Energie gewonnen werden. Wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen setzen jedoch voraus, dass bestehende Innovationshemmnisse beseitigt werden. Eine verlässliche Rohstoffversorgung erfordert vernünftige Zulassungsverfahren, beschleunigten Marktzugang, Bürokratieabbau und den Praxisanbau von GV-Kulturen. Naturwissenschaftliche Kriterien müssen bei der Regulation im Mittelpunkt stehen. Eine zentrale Forderung des BioÖkonomieRates lautet deshalb, Entscheidungsfindungen zur Grünen Gentechnik ausschließlich auf Basis wissenschaftlicher Bewertungen herbeizuführen.
Weitere Informationen: Webseite BioÖkonomierat, http://www.biooekonomierat.de/ Erste Empfehlungen zum Forschungsfeld Bioökonomie in Deutschland (BioÖkonomierat, 2009), http://www.biooekonomierat.de/tl_files/downloads/presse/BOER-Empfehlungen2009_Druckversion.pdf GVO-Zulassungen ohne Einbezug sozioökonomischer Kriterien Die EU-Kommission prüft derzeit, ob künftig auch sozioökonomische Kriterien bei Genehmigungsverfahren für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) berücksichtigt werden sollen. Dies kann ebenfalls nationale Anbauzulassungen betreffen, denn in Zukunft sollen EU-Mitgliedstaaten die Kultivierung von GV-Pflanzen eigenständig regeln. Für den Sommer 2010 werden Kommissionsvorschläge für eine Gesetzesnovelle erwartet. Die DIB befürwortet die sozioökonomische Forschung. Studien zu den Auswirkungen neuer Marktprodukte auf verschiedene Wirtschafts- und Lebensbereiche helfen u.a. bei der Festlegung, welche Technologien förderungswürdig sind. Im Bereich der Grünen Gentechnik wird transparent, welchen Nutzen Landwirte und Verarbeiter aus der Biotechnologie ziehen. Die DIB betrachtet es jedoch als unzulässig, sozioökonomische Kriterien bei Entscheidungen zu GVO-Marktzulassungen einzubeziehen. Sozioökonomische Faktoren sind oft rein subjektiv und sehr variabel. Zuverlässige Einschätzungen sozioökonomischer Folgen wie die Veränderungen von Preis- und Marktstrukturen und der gesellschaftlichen Akzeptanz sind im Vorfeld von Markteinführungen nicht möglich. Des Weiteren ist zu beachten:
·Die Einbindung sozioökonomischer Kriterien in GVO-Zulassungsverfahren steht nicht im Einklang mit WTO-Verträgen. Die WTO akzeptiert einzig wissenschaftliche Begründungen für Handelseinschränkungen. ·Die Einbindung sozioökonomischer Kriterien in GVO-Zulassungsverfahren bedeutete einen massiven Eingriff in die freie Marktwirtschaft und individuelle Freiheitsrechte für wirtschaftliches Engagement. ·Sozioökonomische Bewertungen würden GVO-Zulassungsverfahren zusätzlich überfrachten. ·Die Prüfung der GVO-Sicherheit für Mensch, Tier und Umwelt erfolgt nach objektivierbaren naturwissenschaftlichen Kriterien. Es gibt keine rechtliche Grundlage, sie um sozioökonomische Faktoren zu erweitern. ·Der Gesetzgeber hat bei der EU-Gentechnikgesetzgebung sozioökonomische Kriterien in Form der Stellungnahmen des Wirtschafts- und Sozialausschusses berücksichtigt. ·Sozioökonomische GVO-Anforderungen werden durch zahlreiche Verordnungen erreicht. Hierzu zählen die Wahlfreiheit durch nationale Koexistenzregeln und EU-Kennzeichnungsvorschriften und die Gewährleistung landeskultureller Relevanz neuer GVO-Sorten durch die Sortenzulassung.
Folglich würde die Integration sozioökonomischer Kriterien im GVO-Zulassungsprozess die Rechtssicherheit im Bereich der Pflanzenbiotechnologie untergraben. Dies steht im Widerspruch zu den Zielen des BioÖkonomieRates. Anbauerfahrungen belegen GVO-Vorteile In vielen sozioökonomischen Studien sind GVO-Vorteile für Landwirte, Umwelt und Verbraucher aufgezeigt worden. Zu den Vorteilen zählen: ·Ertragssteigerung bei gleichbleibender Anbaufläche ·Verbesserung der Wirtschaftslage von Landwirten ·Verringerung der CO2-Emission und des Kraftstoffverbrauchs bei der Landwirtschaft ·Schonendere Bodenbearbeitung und weniger Erosion ·Reduzierter Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ·Verringerung gesundheitsschädlicher Mykotoxine im Erntegut
Meta-Studie bestätigt Markterfolge von GV-Pflanzen In Industrieländern liegen die Ertragssteigerungen beim Anbau herbizidtoleranter Sojabohnen und insektenresistener Baumwolle bei durchschnittlich sieben Prozent. In Entwicklungsländern beträgt der Mehrertrag beim Anbau von Mais und Baumwolle mit Insektenresistenzen 16 bzw. 30 Prozent. Dies ergab eine internationale Studie1, deren Ergebnisse jüngst im Fachmagazin Nature Biotechnology veröffentlicht wurden. Die Autoren begutachteten dafür 168 wissenschaftliche Arbeiten aus der ganzen Welt. Besonders große Ertragszuwächse sind nach Angaben des „International Food Policy Research Institute“ (IFPRI) beim Anbau von GV-Baumwolle in Indien zu verzeichnen2. Der durchschnittliche Ertrag pro Hektar stieg von 300 kg nach Einführung der Bt-Baumwolle im Jahr 2002 bis 2009 auf 530 kg. Diese Zahlen geben Aufschluss darüber, warum bereits rund 14 Millionen Landwirte die Grüne Gentechnik nutzen – mehr als 90 Prozent davon leben in Entwicklungsländern. Entsprechend wuchs die globale Anbaufläche 2009 um sieben Prozent auf 134 Millionen Hektar3.
Der bis 2009 in Deutschland zugelassene Bt-Mais (MON810) verfügt ebenfalls über ein signifikantes ökonomisches Potenzial. Der Bt-Mais ist resistent gegen den Maiszünsler. Dieser Schädling kann nach Schätzungen des Julius-Kühn-Institutes (JKI) bis zu 30 Prozent der Ernte vernichten. Er verursacht jährlich Schäden von bis zu 12 Millionen Euro und befällt, mit steigender Tendenz, aktuell etwa ein Viertel der deutschen Maisanbaufläche4. Durch die Fresslöcher der Raupe kommt es zudem zu einer erhöhten Belastung des Ernteguts mit gesundheitsschädlichen Pilzgiften (Mykotoxine)5. Die Anfang 2010 zugelassene GV-Stärkekartoffel „Amflora“ dient als Quelle für nachwachsende Rohstoffe für die Industrie. Herkömmliche Kartoffeln produzieren ein Stärkegemisch aus Amylopektin und Amylose. Die Amylose stört jedoch bei technischen Anwendungen, weil sie geliert und die gelöste Kartoffelstärke instabil macht. Die Amflora bildet deshalb nur Amylopektin-Stärke, die aufgrund besonderer Klebeeigenschaften in der Papier-, Garn- und Klebstoffindustrie genutzt wird. Aufwändige und unwirtschaftliche Abtrennungs- und Reinigungsprozesse entfallen beim Amflora-Einsatz. Neben Einsparungen an Material, Energie, Abfall und Kosten wird auch der Verarbeitungsprozess verbessert: Druckpapier mit Amflora-Stärke glänzt stärker, Garn kann leichter verarbeitet werden, Sprühbeton haftet besser und Klebstoff bleibt länger flüssig5.
Referenzen: 1Janet E Carpenter, Nature Biotechnology, April 2010, Vol.28, p319-321, www.nature.com/nbt/journal/v28/n4/full/nbt0410-319.html 2 Bt Cotton and Farmer Suicides in India, IFPRI Discussion Paper 00808, October 2008, http://www.ifpri.org/sites/default/files/publications/ifpridp00808.pdf 3 Anbau weltweit auf 134 Millionen Hektar (TransGen), http://www.transgen.de/anbau/eu_international/531.doku.html 4 Maiszünsler. Ein raffinierter Schädling (bioSicherheit), http://www.biosicherheit.de/de/mais/bt-konzept/143.doku.html 5 A. Schier. Mykotoxine in Silo- und Körnermais. MAIS 2/2008, http://www.biosicherheit.de/pdf/aktuell/mais-mykotoxine_Mais0208.pdf 6 Über Amflora (BASF), http://amflora.basf.com/?p=274
MELDUNGEN Wahlfreiheit durch Positivkennzeichnung Die aktuelle Kennzeichnungspraxis von Futter- und Lebensmitteln erfasst nur einen Teil der mit gentechnischen Verfahren erzeugten Produkte. Eine konsequente Positivkennzeichnung würde zur Folge haben, dass mehr als 70 Prozent aller Lebensmittel ein GVO-Label tragen, weil gentechnisch produzierte, aber derzeit noch nicht kennzeichnungspflichtige Vitamine, Aminosäuren und Enzyme bei der Lebensmittelherstellung vielfältig eingesetzt werden. Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) und des Deutschen Bauernverbandes (DBV) fordern eine umfassende Positivkennzeichnung. Die DIB schließt sich diesem Votum an, um die Irreführung von Verbrauchern zu beenden. Die freiwillige „Ohne Gentechnik“-Kennzeichnung genügt diesem Anspruch nicht, weil auch bei dieser Kennzeichnung Futtermittelzusätze erlaubt sind, die von GV-Mikroorganismen stammen.
DFG-Aufklärung zur Grünen Gentechnik Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat eine empfehlenswerte Broschüre* zur Grünen Gentechnik herausgegeben: „Obwohl ihre Methoden und Ergebnisse für die Grundlagenforschung und die landwirtschaftliche Praxis äußerst nützlich sind, wird die Grüne Gentechnik von weiten Teilen der Öffentlichkeit weiterhin skeptisch beurteilt oder abgelehnt. Um hier Aufklärungsarbeit zu leisten, hat die DFG eine leicht verständliche, reich illustrierte und ausgewogen argumentierende Broschüre zum Thema veröffentlicht.“ (DFG)
Broschüre runterladen: www.dfg.de/download/pdf/dfg_magazin/forschungspolitik/gruene_gentechnik/broschuere_gruene_gentechnik.pdf TERMINE
18.-19. Mai 2010European Venture Market, Berlin, www.europeanventuremarket.com
15.-16. Juni 2010PerMediCon: Die Zukunft der Gesundheit gestalten, Köln, www.permedicon.de
15.-17. Juni 2010DLG-Feldtage mit Themenzentrum Grüne Gentechnik, Rittergut Bockerode bei Hannover, www.bdp-online.de
17. September 20103. Gaterslebener Gespräche: Globale Aspekte der Grünen Gentechnik, IPK Gatersleben, www.ipk-gatersleben.de
Schaugarten Üplingen 2010 Freilandversuche mit GV-Pflanzen mit Schaugarten und Führungen, www.schaugarten-ueplingen.de
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