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BioTech BRIEF Nr. 03/2007 Aktuelle Studie zu Beschäftigungswirkungen der Biotechnologie Die Biotechnologie stärkt den Wirtschaftstandort Deutschland Inwiefern haben die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der modernen Biowissenschaften positive Auswirkungen auf die ökonomische und arbeitsmarktpolitische Lage Deutschlands? Nach einer aktuellen Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI), Karlsruhe, und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin, sind solche Effekte deutlich erkennbar. Die Untersuchung „Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigungspotenziale der Biotechnologie in Deutschland“ wurde von der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie (DIB) und der Industrievereinigung Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in Auftrag gegeben. Im April 2007 wurden die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt. Es zeigt sich: Aktuell sind zwischen 258.000 und 443.000 Arbeitsplätze direkt von Biotechnologien beeinflusst. Die Zukunftsaussichten sind viel versprechend: Bis 2020 können mehrere Hunderttausend neue Arbeitsplätze in der Branche entstehen. Die Autoren resümieren, dass Deutschland allerdings das Potenzial aller Biotechnologiesparten entschlossener nutzen und die Rahmenbedingungen für deren Entfaltung verbessern sollte, um den Anschluss an die dynamische internationale Entwicklung nicht zu verlieren. Im Rahmen der Studie haben ISI und DIW Neuland betreten: Erstmals wurden sowohl die nachgelagerten Anwenderbranchen als auch die vorgelagerten Zulieferersektoren in eine ökonomische Bewertung der Biotechnologie in Deutschland einbezogen. Frühere Erhebungen beschränkten sich darauf, nur Biotechnologieunternehmen im engeren Sinne zu betrachten – also Firmen, die entsprechende Produkte und Verfahren direkt entwickeln und vermarkten. Der überwiegende Anteil der durch Biotechnologie beeinflussten Arbeitsplätze blieb dabei unberücksichtigt.
Biotechnologie schafft zusätzliche Beschäftigung in Anwender- und Zulieferbranchen Von den aktuell Beschäftigen, deren Arbeitsplatz direkt von der Biotechnologie beeinflusst ist, arbeiten etwa 89.000 bis 93.000 im Kernbereich. Das sind Unternehmen und Forschungsinstitute, die biotechnologische Verfahren oder Produkte entwickeln und bereitstellen. Zum Kernbereich gehören demnach Mitarbeiter von Universitäten und anderen Forschungsinstitutionen, kleine und mittelständische Biotechnologieunternehmen, Pflanzenzüchter sowie Laborausstatter. Mit 169.000 bis 350.000 Beschäftigten entfällt der weitaus größere Teil der Gesamtbeschäftigten auf Arbeitnehmer in nachgelagerten Anwenderindustrien. Sie nutzen biotechnische Verfahren und Produkte für ihre eigene Produktion. Hinzu kommen 217.000 bis 471.000 indirekt von der Biotechnologie beeinflusste Arbeitsplätze bei Zulieferern. Hierbei handelt es sich u. a. um Grund- und Rohstofflieferanten sowie verschiedene Dienstleister.
Verdreifachung der Arbeitsplätze bereichsweise möglich Die bedeutendsten Anwenderbranchen umfassen Lebensmittel-, Pharma- und Chemieunternehmen sowie die Landwirtschaft und Umwelttechnik (s. Infokasten auf der Rückseite). Wie sich deren Engagement auf die Beschäftigtenzahlen auswirkt, zeigt die nebenstehende Graphik. Mit biotechnologischen Verfahren und Produkten werden in diesen Branchen hohe Umsatzanteile erwirtschaftet und zahlreiche Arbeitsplätze gesichert. Hieran zeigen sich auch der Querschnittscharakter der Biotechnologie und ihre bereits jetzt große Bedeutung für Wirtschaft und Arbeitsplätze in Deutschland. Es wird erwartet, dass dieses Potenzial weiter ansteigt. Bei einer schnellen Durchsetzung im Markt ist davon auszugehen, dass bis 2020 bis zu 596.000 Jobs direkt mit der Biotechnologie verknüpft sein werden. Die Zahl der Beschäftigten in den Zulieferindustrien könnte in diesem Zeitraum bis auf 680.000 wachsen. In einzelnen Anwenderbranchen wie der chemischen Industrie oder der Umwelttechnik kann sich die Zahl der mit biotechnischen Verfahren und Produkten befassten Mitarbeiter verdoppeln oder verdreifachen.
Globaler Wettbewerb fordert Technologievorsprung Wesentliche Ursache der starken Arbeitsmarkteffekte sind die Effizienzsteigerungen, die durch den Einsatz neuer biotechnischer Verfahren sowie verbesserter Produkte ermöglicht werden. Diese Vorteile sichern nicht zuletzt die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen auf den Weltmärkten. Dies gilt auch für den Einsatz gentechnischer Methoden in der Pflanzenzüchtung und Landwirtschaft. Zwar haben gentechnisch veränderte (GV-)Pflanzen bislang nur einen relativ geringen Anteil an der Verbreitung der Biotechnologie in Deutschland. Die Autoren der Studie gehen jedoch davon aus, dass gentechnische Verfahren auch hierzulande eine immer größere Bedeutung für die Innovationsfähigkeit des Pflanzenzüchtungs- und Agrarsektors erlangen werden. Deutsche Pflanzenzüchter bieten ihre Produkte in wachsendem Umfang auf internationalen Märkten an. Um vor allem auf dem US- und lateinamerikanischen Markt wettbewerbsfähig zu bleiben, ist es unabdingbar, dass sie auf dasselbe breite Technologiespektrum zurückgreifen können wie ihre Mitbewerber. Die Gentechnik ist in vielen Ländern der Welt bereits ein weit verbreitetes Werkzeug der Pflanzenzüchtung. Starke Forschungsbasis ausbauen Die Vorteile der Biotechnologie für den Wirtschaftsstandort Deutschland manifestieren sich zurzeit hauptsächlich in der Sicherung und Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit hiesiger Unternehmen. Die an der Studie beteiligten Wissenschaftler haben diesen Aspekt detailliert betrachtet. Sie analysierten Stärken und Schwächen der Biotechnologieforschung und des unternehmerischen Engagements und kamen zu dem Schluss, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern erst spät in die Kommerzialisierung der Biotechnologie eingestiegen ist. In kurzer Zeit habe sich Deutschland jedoch in der Rangfolge der Biotechnologie-Standorte hinter die USA und Großbritannien auf Platz drei vorarbeiten können. Deutschland kam hierbei zugute, dass es über hoch qualifiziertes Personal, eine differenzierte Forschungslandschaft und etablierte Anwenderindustrien wie die Chemie- und Pharmabranche verfügt. Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass Länder wie Frankreich, Dänemark und Schweden in den letzten Jahren ein deutlich höheres Wachstum der Biotechsparte verzeichnen konnten. In der Folge ist ihr Rückstand auf Deutschland geschrumpft. Wenngleich asiatische Länder wie Japan, Südkorea, China und Indien bei der Kommerzialisierung von Biotechnologien noch am Anfang stehen, investieren auch sie verstärkt in dieses Marktsegment.
Die internationale Stellung der deutschen Biotechnologie kann demnach langfristig geschwächt werden, wenn sich die Rahmenbedingungen für Forschung und vor allem für die Kommerzialisierung und Anwendung von Forschungsergebnissen nicht verbessern. „Dafür müssen wir heute unsere Stärken – wie etwa in Bereichen der weißen Biotechnologie – weiter ausbauen und aufschließen, wo wir Nachholbedarf haben“, erklärte hierzu Edeltraut Glänzer, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE, bei der Vorstellung der Studie im April. Nachholbedarf sieht Glänzer insbesondere bei der Pflanzenbiotechnologie. Die Grüne Gentechnik werde bedauerlicherweise mit dem derzeit geltenden Gentechnikgesetz blockiert, ergänzte Bernward Garthoff, Vorsitzender der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie. Betroffen davon sei auch die weiße Biotechnologie, weil sie pflanzliche Rohstoffe wie Zuckerrüben, Mais, Soja und Raps für die Chemieproduktion brauche. Wer diese Pflanzen in geeigneter Qualität und Menge ernten wolle, dürfe sich gegenüber der Grünen Gentechnik nicht verschließen. Laut Garthoff kann sie eine wichtige Rolle dabei spielen, Widerstandskräfte, Ernteerträge und Biomasseausbeuten von Nutzpflanzen zu verbessern. Die industrielle Verwertung nachwachsender Rohstoffe würde damit profitabler.
Hieran zeigt sich, wie eng die verschiedenen Bereiche der Biotechnologie miteinander verknüpft sind. Will man ihr volles Potenzial nutzen, so ist die Branche in ihrer gesamten Bandbreite zu sehen und entsprechend zu fördern. Von der Politik forderte Garthoff deshalb innovationsfreundliche Rahmenbedingungen und ein klares Bekenntnis zu allen Segmenten – der roten, weißen wie der grünen Biotechnologie. Neben der überfälligen Novellierung des Gentechnikgesetzes sei zudem eine nationale „Biotechnologie-Strategie“ erforderlich, um das unternehmerische Engagement und die zahlreichen Förderinitiativen zu bündeln und besser zu koordinieren. Ein solcher Schritt könne Deutschland einen weiteren Anschub für mehr Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung geben.
Webtipps www.dib.org/default2~cmd~shd~docnr~120528~lastDokNr~-1.htm
http://bio4eu.jrc.es/(Ähnlich angelegte europäische Studie im Auftrag der EU-Kommission)
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